Der Esel und der Blauwal

Der Esel und der Blauwal

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und genießt die Sonne. Da kommt ein älterer Mann vorbei. Mit seinem weißen Hemd und seinem Bart sieht er aus wie ein Kapitän.
Er fragt den Esel: „Sag mal, Esel, warum hast du so blaues Fell? Solltest du nicht grau sein, wie ein Kieselstein?“

Der Esel schaut den Fremden an und zieht lange an seiner Pfeife, ehe er antwortet: „Tatsächlich sah ich früher aus wie ein ganz normaler Esel. Trist und grau. So wunderbar blau wurde ich erst auf einer Reise nach Amerika. Ich will dir gern erzählen, was und wie sich alles zugetragen hat, nur ist es heute sehr warm. Ich bin schrecklich durstig und schwitze wie ein Esel.”

Der Mann sagt: “Lass mich dich auf ein kühles Getränk einladen und dann erzählst du mir deine Geschichte“.

“Einverstanden”, sagt der Esel.

Der ältere Mann bestellt zwei Gläser Bier. Kurz darauf prosten sich Esel und bärtiger Mann zu.

“Ahh, köstlich und kalt”, sagt der Esel. “So kalt war es damals auch, in jener Nacht. Ich war Koch auf der Santa Melania. Wir transportierten Kakao-Bohnen aus Amerika nach Spanien. Ein Nachfahre des Vizekönigs Juan Manuel de Mendoza hatte die geordert, weil er so furchtbar gern heiße Schokolade trank.
An Bord der Santa Melania wurde tagsüber immer schwer geschuftet. Bei frischer Luft und viel Arbeit waren die Männer abends hungrig wie Kojoten. Deshalb warfen wir immer Netze aus, um frischen Fisch für das Abendessen aus dem Meer zu holen. Natürlich verfingen sich hin und wieder auch mal ein paar seltsame Tiere: Neunäugige Kalmare, Laternenfische und plattfüßige Seegurken. Aber was mir an diesem Tag ins Netz ging hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ein Wal, so groß wie eine Kuh und so strahlend blau wie der Himmel. Auf den Ozeanen hatten wir natürlich schon oft Blauwale gesehen. Die waren riesig.”
Der Esel blickt bedeutungsvoll. “Die waren so groß wie unser Schiff.”
Der ältere Mann staunt wortlos.
“Doch ich war schon lange genug auf See unterwegs, um zu wissen, dass vor mir ein Blauwal lag – wenn auch ein kleiner und leuchtend blauer. Aber mit Petersilie, Zitrone und ausreichend Hitze im Ofen würde er schon die Farbe wechseln. Und ich wollte verdammt sein, wenn nicht die gesamte Mannschaft von dem Brocken satt werden würde. Da der Wal zu groß war, um ihn am Stück in die Küche zu tragen, wollte ich ihn an Ort und Stelle zerlegen. Deshalb zückte ich mein Messer und gerade als ich loslegen wollte, schaute mich das Tier traurig an und flehte, dass ich es verschonen solle.”
Der Esel knallt sein Bierglas auf den Tisch. “Beim Klabautermann, dachte ich. Seit wann können Fische reden? Dass dies kein gewöhnlicher Fisch war, hatte ich ja schon an der Farbe erkannt, aber ein sprechender? Da wir uns in nordamerikanischen Gewässern befanden, sprach er natürlich Englisch, was ich damals aber schon recht gut beherrschte.”

Der ältere Mann nickt verständnisvoll. “Natürlich.”

“Please! und Help!, entfuhr es dem Wal und natürlich wurde ich weich. Ich versprach ihm, ihn zu verschonen. Und da Fische und Wale sich im Wasser am wohlsten fühlen, begann ich, ihn über Bord zu schieben. Der Kerl war zwar klein für einen Wal, aber dennoch ein schwerer Bursche. Zuerst schob ich ihn vorwärts. Der Wal bewegte sich nicht ein Eselsohr von der Stelle. Dann seitlich. Nichts. Mit meinen Vorderläufen stemmte ich mich gegen das Steuerrad und schob ihn mit meinem Hintern so doll ich konnte. Dabei verdrehte ich versehentlich das Steuerrad, so dass sich das Schiff ein wenig zur Seite legte. Der Wal geriet ins Rutschen und schwupps – glitt er über Bord. Erschöpft und erleichtert blickte ich ihm nach. Er sah gar nicht mehr so leuchtend aus, aber er strahlte über beide Walbacken und rief Thank You! Dann tauchte er ab, winkte noch einmal mit der Schwanzflosse und verschwand in der Tiefe. Ich weiß noch”, sagte der Esel, “wie ich ihm ungläubig hinterhersah und mich fragte, ob ich das alles nur geträumt hatte. Als ich kurz darauf in meiner Kabine in den Spiegel schaute, traute ich meinen Augen kaum. Mein Gesicht, meine Ohren, mein ganzes Fell leuchtete blau, so blau, wie ich es kurz zuvor bei dem Wal gesehen hatte.”

Der bärtige Mann starrt den Esel an. “Und dann?”

Der Esel antwortet: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben. Wo ich auch hinkam, bewunderten die Menschen mein blaues Fell. In Indien verehrten sie mich wie sonst nur Kühe. Man wollte mir sogar einen Tempel bauen. Aber ich bin nicht geblieben. Es war schrecklich heiß dort. Überall Fliegen und lauwarme Getränke.”

Der ältere Mann bestellt noch zwei Gläser bei der Kellnerin und blickt den Esel ungläubig an.
“Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”
Der Esel nickt zufrieden, “Genau so.” Die Kellnerin kommt und zwinkert den Mann an und flüstert, “… könnte es gewesen sein.”

Wenn Dir die Geschichte gefällt, mal uns ein Bild dazu und sende es an geschichten@blauer-esel.de, wir laden es auf die Internetseite und Dich das nächste Mal im Restaurant zum Eis ein.