Der Esel und der Polarfuchs

Der Esel und der Polarfuchs

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und genießt einen großen Eisbecher. Da kommt ein kleiner Junge mit dunken Knopfaugen zu ihm gelaufen und fragt: „Hallo Esel, warum hast du so ein blaues Fell? Solltest du nicht grau sein wie der Himmel heute?“

Der Esel schaut den Jungen an. Dann antwortet er: „Tatsächlich sah ich früher aus wie ein normaler Esel. Setz dich zu mir und ich berichte dir, was passiert ist.”

Der Junge nimmt neben ihm Platz, bestellt sich auch einen Eisbecher und der Esel beginnt zu erzählen:

“Als junger Esel arbeitete ich einmal für die Post. Damals wurden Briefe noch von Hand auf Papier geschrieben, in einen Umschlag gesteckt und in die ganze Welt verschickt. Manchmal lieferte ich Briefe und Karte an die entlegensten Orte. Da ich Lust auf Abenteuer hatte, meldete ich mich freiwillg für die Luftpost. Auf meiner ersten großen Dienstreise sollte ich die Neujahrsgrüße der dänischen Königin zu einem Freund nach Grönland fliegen. Mit nichts außer der Postkarte bestieg ich eine einmotorige Propellermaschine und steuerte den Flieger Richtung Norden.
Nach ein paar Stunden wurde es recht frisch in meinem Cockpit. Überall bildete sich eine dünne Eisschicht, auf dem Kompass, auf der Glasscheibe, selbst am Funkgerät hing ein Eiszapfen. Und ich liebe Eis, am meisten Schoko, aber auch Vanille oder Erdbeer. Da konnte ich also nicht widerstehen. Ich leckte über einen vereisten Steuerknopf, der so wundervoll schimmerte wie eine köstliche Kugel Stracciatella-Eis. Dass dies ein Fehler war, merkte ich schnell, denn meine warme, nasse Zunge blieb am kalten Metall backen und kam nicht wieder los. So sehr ich auch zog, sie klebte fest. Das war sehr ungünstig, denn ich verlor ein wenig die Kontrolle über das Flugzeug. Das daraufhin ins Trudeln geriet und drohte abzustürzen. Aber in letzter Sekunde konnte ich meine Zunge vom Metall trennen und die Maschine irgendwo im Ewigen Eis landen. Ich sprang aus dem Flugzeug, um zu schauen, ob der Flieger Schaden genommen hatte. Aber es schien alles in Ordnung zu sein. Dann sah ich, dass mich zwei schwarze Knopfaugen in all dem Weiß neugierig beobachteten. War ich doch tatsächlich genau vor der Höhle eines Polarfuchses gelandet?

Der kleine Kerl starrte mich ganz überrascht an. Ich denke, er hatte noch nie einen fliegenden Esel gesehen. Er war sehr nett und fragte mich, ob er mir helfen könne.

Ich sagte, dass ich einen Freund der dänischen Königin suche, um ihm Neujahrsgrüße von ihr zu übermitteln. Ich zog die Postkarte hervor und suchte nach seinen Namen: ‘Lieber Ujarak’, hatte sie geschrieben.
‚Er heißt wohl Ujarak‘, meinte ich.

Der Polarfuchs überlegte, ‘Ujarak bedeutet in unserer Sprache großer Stein oder Felsen. Ich kenne hier nur einen Felsen weit und breit. Zu dem kann ich dich gern führen. Aber es ist ein weiter Marsch und an einem klaren kalten Tag wie dem heutigen, können magische Dinge passieren.’

‘Kein Problem’, entgegnete ich und so gingen wir los. Lange liefen wir durch das endlose Weiß der Arktis bis sich schließlich ein großer Felsen zeigte.
‘Ujarak’, sagte der Polarfuchs stolz.

‘Puh, ja, das wurde aber auch Zeit. Ich bin schon ganz durchgefroren’, sagte ich.

Der Polarfuchs blickte sich um, sah mich an und lächelte.
‘Pass mal auf, was gleich passiert’, flüsterte er.

Plötzlich begann es über uns zu flackern. Ein regelrechter Sturm heller blauer Lichter tauchte den Himmel in ein Meer aus Farben. Ich bekam mein Eselmaul kaum zu vor lauter Staunen.

Der Fuchs sagte: ‘Heute ist wieder eine dieser magischen Nächte, in der uns die Ahnen mit ihren himmlischen Leuchtfeuern grüßen.’

‘Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gesehen’, sagte ich, während wir auf den Gipfel des Felsens Ujarak kletterten. Oben angekommen, legte ich die Karte der dänischen Königin unter einen kleinen Eisblock.

‘Mit den besten Wünschen zum neuen Jahr von ihrer Majestät der Königin von Dänemark’, rief ich.

Den ganzen Rückweg blickten wir gen Himmel. Als wir wieder am Polarfuchsbau und meinem Flugzeug angekommen waren, sagte der Fuchs: ‘Wer einmal die Polarlichter gesehen hat, wird sie niemals vergessen und auf ewig ihr Licht in sich tragen.’

Wir winkten uns zum Abschied zu, und als ich abhob, da bemerkte ich, dass ich tatsächlich ganz verzaubert war. Meine Hufe, meine Ohren, mein ganzes Fell: alles leuchtete blau.”

Dem Jungen ist beim Hören der Geschichte das Schlumpfeis im Becher geschmolzen. “Und dann?”

Der Esel antwortet: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben.”

Als die Kellnerin kommt, um noch ein Eis zu bringen, betrachtet der Junge den Esel ungläubig. “Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”
Der Esel nickt, “Genau so.” Die Kellnerin kommt und zwinkert dem Jungen zu, “… könnte es gewesen sein.”

Wenn Dir die Geschichte gefällt, mal uns ein Bild dazu und sende es an geschichten@blauer-esel.de, wir laden es auf die Internetseite und Dich das nächste Mal im Restaurant zum Eis ein.