Der Esel und der Maler

Der Esel und der Maler

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und genießt die milde Frühlingsluft. Da kommt eine Frau daher. Mit ihrer Baskenmütze und ihrem bunten Kleid könnte sie eine Malerin sein. Als sie den blauen Esel erblickt, sagt sie: „Entschuldige Esel, ich frage mich, warum du so blaues Fell hast? Solltest du nicht grau wie der Bart meines alten Dackels sein?“

Der Esel antwortet: „In der Tat. Früher sah ich aus wie ein ganz normaler Esel. Setzt euch zu mir. Ich trinke einen Tee und berichte, wie sich alles zugetragen hat”.

Die Frau setzt sich zu ihm an den Tisch und der Esel beginnt zu erzählen:

“Damals arbeitete ich in Frankreich in einem Gasthof. Ich war ein schicker, starker Esel. Ein junger Spanier reiste an. Ein Maler, der sich auf dem Lande ein wenig die Zeit vertreiben wollte und Ruhe vom Leben in der Großstadt suchte, in der er sonst wohnte. Mir kam es so vor, als läge ihm etwas auf dem Herzen. Er sah sehr traurig aus. Meine Aufgabe auf dem Hof bestand darin, Gästen beim Koffer tragen zu helfen, sie ein wenig zu unterhalten und sie zu begleiten, wenn sie die Landschaft erkunden wollten. So auch an jenem Tag. Der Maler, er hieß Pablo, hatte seine Farben und seine Staffelei gepackt, bereit die Gegend zu erkunden. Und so zogen wir los, um ein interessantes Motiv zu finden, das er malen konnte. Wie wir da entlang liefen, erzählte er mir von seiner Geliebten. Sie hieß Fernande. Bevor er sie in der großen Stadt zurück ließ, hatten sie sich gestritten und waren im Zorn auseinander gegangen. Menschen machen so etwas ab und an. Wir Esel streiten uns nie untereinander. Wir sagen mal Ihh und mal Ahh. Aber das nur am Rande. Nach einer Weile des Nebeneinanderherlaufens fanden wir einen Platz, den Pablo für geeignet hielt. Er baute alles auf und entdeckte einen Apfelbaum, der jenem Apfelbaum glich, unter dem Fernande und er sich zum ersten Mal küssten. Er wurde wieder sehr traurig und Tränen liefen ihm die Wangen herab. Doch er begann zu malen und wählte ein tiefes Blau. Das entsprach wohl am ehesten seiner Stimmung. Dann geschah etwas Erstaunliches: Pablo malte sich in einen Rausch. Ein Bild nach dem anderen entstand. Er war gar nicht mehr so richtig ansprechbar, sondern pinselte immer weiter. Als er keine Leinwand mehr übrig hatte, bemalte er andere Sachen. Einen Felsstein hier. Einen Holzschuppen da. Alles malte er blau an. Und ich? Was tat ich in der Zeit? Ich war eingeschlafen. Pablo war so vertieft in seine Arbeit, dass er nicht viel erzählen wollte. Da schloss ich ein wenig die Augen. Als ich wieder aufwachte, stand er vor mir und betrachtete mich. Er schien nicht mehr so betrübt zu sein. Im Gegenteil, er lachte sogar und sagte, dass dies die Geburtsstunde einer neuen Schaffensperiode sei. Und dass er glücklich ist, dass sich all die Mühe und sogar der Abschied von Fernande gelohnt haben, weil er hier seine Inspiration gefunden hat. Das freute mich natürlich und wir lachten und lachten und lachten und als ich entdeckte, dass Pablo in seinem schöpferischen Rausch auch mich ganz blau angemalt hatte, haben wir umso mehr gelacht. Meine Hufe, meine Ohren, mein ganzes Fell: blau.”

Die Frau hatte beim Hören der Geschichte vergessen, ihre Suppe zu essen, die nun ganz kalt geworden war. Sie starrt den Esel mit offenem Mund an. “Und dann?”

Der Esel antwortet: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben. Der Maler wurde sehr berühmt. Ich hörte, dass er noch andere Phasen hatte. Als er bei Rosa angelangt war, lud er mich zu sich ein, doch ich hatte Angst, wieder bei ihm einzuschlafen und rosa angemalt zu werden.”

Die Frau bestellt bei der Kellnerin eine neue Suppe und betrachtet den Esel ungläubig.
“Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”
Der Esel nickt zufrieden, “Genau so.” Die Kellnerin kam und zwinkert die Frau an und flüstert, “… könnte es gewesen sein.”

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