Der Esel und der Affe

Der Esel und der Affe

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und lässt sich den Wind um die Nase wehen. Da kommt ein großes, schwarzes Auto vorgefahren. Ein wichtig aussehender Mann steigt aus. Er schaut den Esel an und fragt: „Hey Esel, warum hast du so blaues Fell? Solltest du nicht grau wie ein Pflasterstein sein?“

Der Esel schaut den Mann lange an. Dann antwortet er: „In der Tat. Früher sah ich auch aus wie ein ganz normaler Esel. Setzt euch zu mir. Ich esse noch einen Nachtisch und berichte euch, wie sich alles zugetragen hat”.

Der Mann gibt der Kellnerin ein Zeichen und setzt sich zu ihm an den Tisch. Der Esel beginnt zu erzählen:

“Vor einiger Zeit fuhr ich mit dem Zug über die Alpen. Gegen Mittag bekam ich Hunger und suchte den Speisewagen auf. Kaum hatte ich Platz genommen, da bemerkte ich am Nebentisch einen mürrisch blickenden Mann. War das nicht der berühmte Zauberer Istvan Dravor? Und hockte da ein Äffchen neben ihm in einem Käfig? Es war gekleidet wie einer dieser Pagen, wie man sie aus vornehmen Hotels kennt. Wie der Kleine so sehnsüchtig aus dem Fenster schaute, tat er mir sehr leid. Die Affen, die ich kannte, waren lustig und frech, mampften Bananen und würden dem Schaffner des Zuges heimlich die Trillerpfeife klauen. Dieser aber starrte nur wehmütig aus dem Fenster.
Als Istwans Milch auf dem Tisch umkippte, bot ich ihm meine Hilfe an. Doch er winkte ab: ‘Danke, dafür ist das Personal da”, sagte er und schnippte in Richtung des Kellners. Dieser eilte sogleich herbei, säuberte den Tisch und brachte ihm ein neues Kännchen Milch.
‘Nur so aus Neugier, sie sind doch ein großer Magier?’, fragte ich vorsichtig.
Er nickte.
‘Könnten sie sich die Milch nicht selbst herzaubern?’
Istvan hob die Augenbrauen: ‘Natürlich könnte ich das.’ Bedächtig trank er einen Schluck Tee. ‘Doch es kostet mich immer auch Energie. Und irgendwas müssen diese Gesellen ja auch tun. Schließlich werden sie dafür bezahlt.’
Ich fragte weiter: ‘Und könnten sie alles und jeden verzaubern?’
‘Selbstverständlich’, sagte er während er die Teetasse wieder absetzte und mich musterte.
‘Auch ihren Affen?’, fragte ich.
‘Sicher! Das hab ich ja bereits getan. Oder glauben sie, der wäre sonst so ruhig?’
‘Das ist er wirklich’, bemerkte ich voller Mitleid.
Stolz sagte Istvan: ‘Ich habe ihn vor Jahren verstummen lassen. Dieser Lärm, den er täglich machte, der ging mir gewaltig auf die Nerven.’
Nun schaute mich der kleine Affe so erwartungsvoll an, dass es mir ein Stich ins Herz versetzte.
Ich sagte: ‘Sie sind ein wahrlich großer Meister. Ganz unglaublich! Würden sie, als Kostprobe ihres magischen Könnens, beispielsweise dem Affen ihre Stimme leihen können?’
Mir war nicht entgangen, dass sich auch die anderen Gäste im Restaurant für uns interessierten. Also fuhr ich fort: ‘Ich bin sicher, dass die anderen Herrschaften hier auch sehr beeindruckt wären’.
Einige der Umstehenden nickten beflissen. Istvan Dravor genoß die Aufmerksamkeit.
‘Warum nicht?’, sagte er gütig und hob seine rechte Hand. Gespannt richtete sich das Äffchen auf.
‘Simia Vox Eluquium’, brummte Istvan mit tiefer Stimme.
Den Kleinen durchfuhr es wie der Blitz. Dann hob der Affe geschwind selbst seine Hand und rief schnell: ‘Silencio Magus Perpetuo’.
Der Magier zuckte zusammen.
‘Immobilo Magus’, rief der Affe noch gleich hinterher.
Der komplette Speisewagen hielt den Atem an.
Mit einem Mal war Istvan Dravor wie erstarrt und brachte keinen Ton mehr heraus.
Ich verschüttete vor Verblüffung meine Möhrensaftschorle. Der Kellner blickte zu mir, doch mit ‘Fugit Inversum!’ und dem Schnippsen seiner Finger, zauberte der Affe alles wieder an seinen Platz. Die Schorle schwebte rückwärts zurück in die Tasse. Der Affe hüpfte vor Vergnügen, kletterte die Gardine hoch und wieder runter. ‘Es hat geklappt’, rief er.

Mit einem Satz sprang der Affe auf die Kofferablage. Dann baumelte er plötzlich mit einem Arm daran und sagte: ‘Auf diesen Moment habe ich so lange gewartet. In Gedanken bin ich ihn eine Million Mal durchgegangen.’ Er sprang herab und stand vor mir auf dem Tisch. Er sagte: ‘Lieber Esel, wie soll ich dir bloß danken? Ah, warte…’, dann hob er die Hand und sagte: ‘Caeruleum Asinus Transfigo!’
Das Licht im Abteil flackerte kurz und die anderen Passagiere raunten, aber ich konnte nicht erkennen, was der Affe da gezaubert hatte. Er kratzte sich nur am Kinn und sagte: ‘Das… sollte ich vielleicht lieber lassen. Ich bin etwas aus der Übung geraten.’
Istvan Dravor stand noch immer regungslos und stumm im Gang.
‘Er sollte sich bald wieder bewegen können, aber stumm wird er wohl bleiben.’
Die Augen des Zauberers weiteten sich, und er stieß einen Laut aus, der klang wie das langsame Zurückziehen eines Stuhls.
Der Affe kletterte auf den Kopf Istvans und beugte sich vor, das Gesicht des Magiers betrachtend. ‘Das ist jetzt irgendwie doof, oder? Ein Zauberer ohne Stimme. Das ist wie ein zaubernder Affe stumm im Vogelkäfig.’

Dann erzählte er mir, wie er und Istvan sich an einer Hochschule für moderne Zauberei kennengelernt hatten. Sie waren talentiert und tourten mit ihrer Show durch das Land. Obwohl sie beide beliebt waren, wurde der heimliche Star der kleine, süße Affe. Der Neid fraß Istvan auf, da er den Ruhm allein für sich haben wollte. Eines Nachts schlich er sich in sein Zimmer, verhexte den Affen und sperrte ihn in den Käfig. Dort blieb er stumm und traurig bis zu dem Tag im Speisewagen.
Die Geschichte der beiden hatte mich so gefesselt, dass ich nicht bemerkte, was alle Passagiere längst sahen: Mein Gesicht, meine Ohren, mein ganzes Fell leuchtete blau, so blau, wie der Himmel über den Alpen, die wir gerade mit dem Zug überquerten.

Der Affe lachte verlegen: ‘Ja, deshalb dachte ich, ich sollte die anderen Zaubersprüche lieber erstmal lassen.’”

Der Wind hatte etwas nachgelassen, der Esel leckt den Teller vom Nachtisch ab und der Mann aus dem großen schwarzen Auto starrt den Esel mit offenem Mund an. “Und dann?”

Der Esel antwortete: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben. Der Affe und ich wurden gute Freunde. Wo wir auch hinkamen, bewunderten die Menschen mein blaues Fell und den zaubernden Affen. Auf einer Ozeaninsel, ich glaube, sie hieß Mauritius, hatte man sogar Briefmarken mit unseren Köpfen gedruckt, eine blaue und eine braune.”

Der Mann bestellte bei der Kellnerin zwei Cappuccinos und betrachtete den Esel ungläubig.
“Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”
Der Esel nickte zufrieden, “Genau so.” Die Kellnerin kam und zwinkerte den Mann an und flüsterte, “… könnte es gewesen sein.”

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