Der Esel und der Tintenfisch

Der Esel und der Tintenfisch

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und genießt eine Fischsuppe. Da kommt ein Mann mit Sonnenbrille und dicken, geflochtenen Zöpfen.

Er sagt: „Hey Esel, warum hast du so ein blaues Fell? Solltest du nicht grau sein wie ein Delphin?“

Der Esel sieht den Mann lange an. Dann antwortet er: „In der Tat. Früher sah ich auch aus wie ein normaler Esel. Setz dich zu mir und ich erzähle dir, was passiert ist.”

Der Mann setzt sich zu ihm an den Tisch und der Esel beginnt zu erzählen:

“Einst arbeitete ich auf der schönen Insel Korsika im Hafen von Bonifacio. Ich half den Fischern beim Entladen der Boote. Meine Aufgabe war es, den frischen Fang in die Restaurants hoch in die Altstadt zu tragen. Der Weg dorthin ist steil und führt über Hunderte von Stufen. Eines Morgens passierte mir etwas Seltsames. Da es sehr mühsam ist, so schwer beladen die Treppen hinaufzusteigen, legte ich auf halbem Weg eine Verschnaufpause ein. Da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter und zog an meinem linken Ohr.

‘Autsch!’

Ich drehte mich um, doch niemand war zu sehen. Dann wieder. Dieses Mal zog es an meinem rechten Ohr.

‘Autsch!’

Wer trieb da bloß sein Spielchen mit mir?

Plötzlich blickte ich in ein Paar große Kulleraugen, während es wieder an meinen Ohren zog. Gleichzeitig bohrte etwas in meiner Nase, umschloss mein Maul und kitzelte an meinem Bauch. Was auch immer das Ding war, hatte seine Arme überall.

Wütend rief ich: ‘Wer bist du, Schurke?’

Es antwortete flehend: ‘Sei nicht sauer. Ich sollte gar nicht hier sein. Einer der Fischer hat mich aus dem Meer gezogen und jetzt suche ich jemanden, der mich wieder reinwirft. Bitte tu mir nichts!’

‘Na gut’, sagte ich, ‘aber nur, wenn du aufhörst, an meinen Ohren zu ziehen. Da verstehen wir Esel keinen Spaß.’

Da kam der Bursche von meinem Rücken gekrochen, streckte eine Tentakel vor und sagte: ‘Ich heiße Charles.’

‘Mon Dieu!’, rief ich verblüfft. ‘Du bist ein Calmar!’

‘Tintenfisch in fünfzehnter Generation. Wir liefern alle Farbtöne, von azurblau bis königsblau, sepia, braun, natürlich auch schwarz, und wenn es sein muss, auch rot und grün, bis nach Sardinien.’

‘Leck mich am Ohr’, entfuhr es mir.

‘Hab ich schon’, erwiderte Charles.

‘Ihh, nein! Das sagt man als Esel nur so.’

‘Nun, lieber Esel, verzeih mir, wenn ich dich von deiner Arbeit abgehalten habe, aber ich habe selbst noch eine Menge Tinte auszuliefern. Könntest du mich vielleicht zurück zum Wasser bringen?’ Er blickte vorsichtig den Felsen hinunter. Das tosende Meer lag bereits tief unter ihnen. ‘Wir Tintenfische haben ein wenig Höhenangst.’

‘Du meinst, den ganzen Weg zurück? Alle Treppenstufen runter?’

‘Ich schaffe es nicht allein’, sagte Charles.

‘Nicht mein Problem, ich muss pünktlich die Ware hochbringen. Der Weg ist auch für mich sehr anstrengend’, erwiderte ich.

Charles klagte: ‘Ich habe zwar acht Arme, aber an Land kann ich mich kaum bewegen. Außerdem werde ich bald vertrocknet sein.’

‘Und ich verliere meinen Job, wenn ich den Fang erst so spät abliefere. Ich bin nur ein Esel von vielen.’

Der Tintenfisch überlegte: ‘Gehst du weiter und lässt mich zurück, bist du tatsächlich nur einer von vielen. Wenn du mich jedoch rettest, verspreche ich dir, dann bist du es nicht.’

Ich ärgerte mich, weil ich merkte, dass ich wieder weich wurde.

‘Mon dieu! Dann spring schnell auf’, sagte ich.

Charles grinste sein schönstes Tintenfischgrinsen.

Ich fragte ihn noch, wann und wie er eigentlich seine Tinte produziert?

Er antwortete: ‘Och, meistens, wenn ich Angst habe und vor Haien fliehen muss. Die Farbe hängt von meiner Stimmung ab.’

Die Treppen von Bonifacio führen steil und kurvig den Felsen hinunter, direkt ins Meer. Sollte ich den ganzen Weg zurück laufen? Oder rutsche ich auf dem Treppenlauf runter bis ins Meer? Da wird man schnell wie der Blitz und fliegt am Ende in hohem Bogen ins Meer. Ein Riesenspaß, wie eine Wasserrutsche.

Natürlich entschied ich mich für die Rutsche, statt zu laufen. Charles saugte sich an meinem Rücken fest, und dann schwang ich meinen Eselhintern auf den Handlauf der Treppe und Huiiiii, sausten wir hinab. Wir schrien vor Vergnügen und Angst als wir unten im hohen Bogen ins Wasser flogen.

‘Das wollte ich immer schon mal machen’, schrie ich.

Der Tintenfisch drückte mich mit seinen acht Armen so fest er konnte.

‘Danke! Ich wollte das nicht machen, aber es war herrlich. Danke und entschuldige! Ich glaube ich hatte Angst und Spaß, denn dann wird meine Tinte blau.’

‘Du musst dich nicht entschuldigen?’, sagte ich.

‘Ich habe wohl etwas … ach egal… Vielen Dank! Du hast mir das Leben gerettet.’
Der Tintenfisch musterte mich von oben bis und lachte verlegen.
‘Na, und auf jeden Fall bist du nicht mehr einer von vielen Eseln. Jetzt bist du einzigartig.’

Dann winkte er zum Abschied und tauchte ab ins azurblaue Meer.

Als ich später die Ware beim Restaurantbesitzer ablieferte, bemerkte der gar nicht, dass ich spät dran war. Stattdessen sah er mich erstaunt an und fragte, was ich mit meinem Fell gemacht hätte.

Erst da sah ich, dass Tintenfisch Charles mein Fell gefärbt hatte. Meine Hufe, meine Ohren, mein ganzes Fell: Aus Angst und Vergnügen azurblau.”

Der Mann mit den Zöpfen hatte sich beim Hören der Geschichte noch einen weiteren Zopf geflochten. Er starrt den Esel mit offenem Mund an. “Und dann?”

Der Esel antwortet: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben.”

Als die Kellnerin kam, bestellt der Mann sich eine Fischsuppe und betrachtet den Esel ungläubig.
“Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”
Der Esel nickt, “Genau so.” Die Kellnerin kommt und zwinkert dem Mann zu, “… könnte es gewesen sein.”

Wenn Dir die Geschichte gefällt, mal uns ein Bild dazu und sende es an geschichten@blauer-esel.de, wir laden es auf die Internetseite und Dich das nächste Mal im Restaurant zum Eis ein.