Der Esel und die Rübe

Der Esel und die Rübe

Ein Esel mit blauem Fell sitzt vor einem Restaurant und genießt die Sonne. Da kommt eine junge Familie vorbei. Eine Mama, ein Papa und zwei Töchter. Die jüngste der beiden fragt: „Hallo Esel, warum hast du so blaues Fell? Solltest du nicht grau sein wie eine Maus?“

Der Esel schaut das Mädchen lange an, ehe er antwortet: „Tatsächlich sah ich früher aus wie ein ganz normaler Esel. Setzt euch zu mir. Trinkt mit mir eine Tasse Kakao und ich will euch gern erzählen, was und wie sich alles zugetragen hat.”
Die Schwestern schauten erwartungsvoll ihre Eltern an. Der Papa drehte zwar mit den Augen, aber kurz darauf saßen alle am Tisch. Dann begann der Esel zu erzählen:
“Vor vielen Jahren arbeitete ich in Spanien bei einem Bauern. Meine Aufgabe bestand darin, Unkraut aus den Feldern zu zupfen und überall mal nach dem Rechten zu sehen. Eines Tages entdeckte ich bei meinem Kontrollgang unter einem alten Mandelbaum eine richtig große Möhre. Erst wollte ich sie gleich fressen, doch dann dachte ich, sie noch bis zum Wochenende wachsen zu lassen, um mir dann einen leckeren Möhrenkuchen zu backen. Es wurde Samstag und ich war schon ganz neugierig, wie viel größer sie geworden war. Ich lief vor bis zum Mandelbaum und da sah ich sie. Madre mía! Die Rübe war so gigantisch, so groß und rund wie ein Fußball. Der Duft von Möhrenkuchen mit Mandeln zog schon in meine Nase. Santa María! Ich liebe Möhrenkuchen.”

Das kleine Mädchen rief: “Ich auch. Ich auch.”
Die Schwester: “Oh ja, mit Zuckenguß und dazu einen Kakao.”

Der Esel schloss verzückt die Augen: “Ihr sagt es, meine Lieben, ihr sagt es. Jedenfalls machte ich mich gerade daran, die Karotte aus dem Boden zu ziehen, da piepste eine Stimme:
‘Bitte tu das nicht, wir haben die ganze Woche an unserem Haus gebaut‘.
Hatte ich mich verhört oder hatte mein Eselskopf zu viel Hitze abbekommen? Ich setzte meine Sonnenbrille ab und betrachtete die Riesenmöhre ganz genau. Da entdeckte ich sie: Zwei Fensterchen, aus denen die Nasen von vier kleinen Mäusen lugten. ‘Caramba! Wohnt in meinem Möhrenkuchen etwa eine Mäusefamilie?’
‘Ja und es wäre sehr anständig von dir, wenn du nicht unser Zuhause frisst’, sagte die Mäusemama.
Ich antwortete, dass ich die Möhre schon ein paar Tage beobachtete und mir eigentlich einen Kuchen daraus backen wollte. Im Nachbarstall wohnt mein Compañero, das Wolllockenschwein Sergio, und ich wollte am Sonntag damit überraschen.
Die Mäusemama entgegnete, dass sie so lange nach einem schönen Heim gesucht hätten und die Mäusetöchter fühlten sich gerade so wohl.
Die kleinen Mäusekinder klimperten mit ihren Augen und piepsten ganz traurig, etwa so:
‘Piep piep.’
Caramba! Da wurde ich schon wieder weich. Enttäuscht sagte ich:
‘Na schön, dann knabbern wir eben wieder unsere Maiskolben.’

Die Tür des Möhrenhauses öffnente sich und heraus trat der Mäusepapa.

‘Amigo, ich verrate dir zum Dank eine Stelle, an der du die besten Blaubeeren Spaniens findest. Aus denen ließe sich ein vortrefflicher Blaubeerkuchen backen. Ich verrate dir ein Geheimrezept und verspreche, dass dein Freund Sergio und du, euch die Pfoten danach lecken werdet.’

Und so war es. Der Mäusepapa zeigte mir einen Blaubeerstrauch mit den blauesten Blaubeeren, die ich je gesehen hatte.

Und als ich wenig später mit Sergio im Strohhaufen lag und den Kuchen aß, schwelgten wir im achten Blaubeerhimmel. Es war so köstlich, dass wir die letzten Krümel vom Teller leckten. Doch dann musste ich plötzlich laut lachen. Sergios prächtige Locken waren ganz blau geworden. Man muss wissen, dass er ein sehr eitles Schwein ist und er sehr auf seine Locken achtete. Er fand das zuerst also gar nicht witzig. Verzweifelt suchte Sergio nach einem Spiegel, doch dann fing auch er an zu feixen. Nämlich als er mich sah. Mein Gesicht, meine Ohren, mein ganzes Fell leuchtete blau, so blau, wie die Blaubeeren an dem Blaubeerstrauch, den mir der Mäusepapa gezeigt hatte. Sergio und ich fanden, dass uns die Farbe eigentlich ziemlich gut stand. Fortan waren wir die Attraktion Südspaniens.“

Der Papa der Familie lehnte sich vor und fragte den Esel: “Und dann?”
Der Esel antwortete: “Nichts und dann. Dann war ich blau und bin es bis heute geblieben. Wo ich auch hinkam, bewunderten die Menschen mein blaues Fell. In Grönland war es jedoch einmal recht brenzlig. Die Einheimischen wollten mich umlegen und aus mir einen blauen Bettvorleger machen. So floh ich so schnell ich konnte. Mir war es dort ohnehin zu kalt und Kakao gab es dort auch nicht.”

Die Schwestern blickten den Esel ungläubig an.
“Und ist das alles wirklich genau so gewesen?”, fragte die größere der beiden.
Der Esel nickte, “Genau so.”
Die Kellnerin kam und zwinkerte den Mädchen zu und flüsterte, “… könnte es gewesen sein.”

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